„Man kann einen Oscar gewinnen, wenn man einen Stuntman spielt, aber nicht, wenn man einer ist“ – Ein Kommentar

„Man kann einen Oscar gewinnen, wenn man einen Stuntman spielt, aber nicht, wenn man einer ist“ – Ein Kommentar

19. März 2024 Aus Von Thorsten Boose

Wussten Sie, dass bei Leslie Nielsens Komödie „Die Nackte Kanone“ (1988) fast genauso viele Stuntleute zum Einsatz kamen wie bei Jackie Chans Actionhit „Police Story“ (1985)? Der Unterschied ist, dass die Stuntperformer der Nackten Kanone alle keinen Credit erhielten.

"Man kann einen Oscar gewinnen, wenn man einen Stuntman spielt, aber nicht, wenn man einer ist"

Am Tag der 96. Oscarverleihung ging ein Meme viral, von dem ich nicht sicher weiß, wer der Urheber ist. Ich persönlich habe es über viele Stories auf Instagram auf den Stuntman Eddie Braun zurückverfolgen können. Auch Mixed-Martial-Artist Gina Carano teilte das Meme, das Brad Pitt in seiner Rolle als Stuntman Cliff Booth in Quentin Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“ (2019) zeigte, und die Aussage könnte wahrer nicht sein:

Man kann einen Oscar gewinnen, wenn man einen Stuntman spielt, aber nicht, wenn man einer ist. Dabei sind Stuntmen nicht ausschließlich im Actionkino beheimatet, sie sind in allen Filmgenres aktiv und lassen die Stars glänzen.

Als Brad Pitt 2020 einen Oscar für die beste männliche Nebenrolle für seine Stuntman-Darstellung in „Once Upon A Time In Hollywood“ (2019) erhielt, sagte er: „Es ist Zeit, den Stuntkoordinatoren und den Stunt Crews auch etwas LIebe zu zeigen.“ Darum möchte ich aus eigener Sache an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, dass das zitierte Meme keine Respektlosigkeit gegenüber Brad Pitt oder der gesamten Schauspielerriege darstellt – viele Akteure wie er stehen hinter ihren Stuntdoubles.

Hollywood-Stuntkoordinator Jack Gill wird das obige Zitat zum damaligen Anlass zugeschrieben. Er habe wörtlich nach Brad Pitts Auszeichnung gesagt:

„Ist es nicht erstaunlich, dass ein Schauspieler, der einen Stuntman spielt, einen Oscar gewinnen kann? Wenn man allerdings ein Stuntman ist, kann man keinen Oscar gewinnen.“

Jack Gill

The Fall Guys

Als am 10. März 2024 Emily Blunt und Ryan Gosling die Bühne der 96. Oscarverleihung betraten und eine Hommage an die Stunt Community richteten, hofften viele, dass nun endlich die Ankündigung einer neuen Oscar-Kategorie für Stunts folgt. Stattdessen wurde in einem kurzen namenlosen Zusammenschnitt den unbesungenen Helden der Filmbranche wieder einmal beiläufig gedankt, nur um sie dann ohne Sicherheitsnetz fallen zu lassen.

Emily Blunt und Ryan Gosling sind ab dem 3. Mai zusammen im Actionfilm „The Fall Guy“ (2024) zu sehen, der auf der gleichnamigen TV-Serie aus den 1980ern mit Lee Majors basiert, in der es um einen Stuntman geht. Für Hollywood wäre es also eine Gelegenheit gewesen, solch eine Stuntkategorie für den weltweit angesehensten Filmpreis anzukündigen. Doch erneut ließ man diese Gelegenheit verstreichen.

2025 wird dennoch eine neue Oscar-Kategorie eingeführt und ab 2026 der Preis hierfür erstmals verliehen, nämlich für das Beste Casting. Dass man die Academy von neuen Ideen also nicht überzeugen kann, stimmt nicht. Doch warum tun sie sich mit der Stunt Community so schwer?

Die Elite Hollywoods gegen das Proletariat

Die Oscars sind alt. So alt, dass sie anfangs nur im Radio übertragen wurden. Erst 1953 wurde das Bankett erstmalig im Fernsehen ausgestrahlt und versuchte, sich seitdem jährlich selbst an Spektakel und Glamour zu übertreffen. Das erfolgreichste Jahr der Oscarverleihung, gemessen anhand der Zuschauerzahlen, liegt mit 55 Millionen im Jahr 1998 dank „Titanic“ (1997). Das schlechteste dürfte das Pandemie-Jahr 2021 mit 10,4 Millionen Zuschauer gewesen sein. Globale Krise hin oder her, die Academy hat seit über zehn Jahren mit schwindenden Zuschauerzahlen zu kämpfen. Das Interesse vom inflationsgeplagten Kinogänger an einer elitären Preisverleihung unter Multimillionären wird immer öfter in Frage gestellt.

Zugegeben, „elitär“ ist mittlerweile fast zu einem verpönten Begriff mutiert, trifft es doch auf die Academy absolut zu. Die begehrte Statue wird von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die 1927 in einer Filmkrise von damals führenden Hollywood-Produzenten und cleveren Geschäftsleuten gegründet wurde, verliehen. Die Geschichte lässt sich online beinahe lückenlos nachvollziehen.

Bei der Lektüre wird man feststellen, dass es im Verlauf von fast 100 Jahren immer wieder Veränderungen gab. Ja, die Academy ist strukturiert wie ein elitärer Club, in den man nur per Einladung Einlass erhält. Das ist eine Tatsache. Doch sie ist auch sehr progressiv. Mit technischen und kulturellen Wandlungen kamen neue, passendere Kategorien hinzu und veraltete wurden gestrichen oder in andere integriert.

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Wenn man bedenkt, dass „Hollywood“ mit Buster Keaton, Helen Gibson, Harold Lloyd und vielen anderen Akrobaten von Beginn an auf Storytelling mit halsbrecherischem Einsatz Wert legte und schon früh Schauspieler wie Douglas Fairbanks Sr, oder heutzutage Tom Cruise, selbst ihre Stunts ausführten, wann immer es möglich war, ist es umso verwunderlicher, warum die Academy sich selbst in den darauffolgenden Jahrzehnten nicht selbst die Lorbeeren dafür gegeben hat.

Im Alten Rom galten Schauspieler angeblich als minderwertig, wurden gesellschaftlich genauso geächtet wie Prostituierte. Sie waren Außenseiter, Proletarier, die zur Unterhaltung der oberen Zehntausend dienten, genau wie Gladiatoren. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei, und aus versklavten Bühnendarstellern und Arenaschlächtern wurden Wanderakrobaten, Ringer, Boxer, die mit dem Aufkommen der Filmtechnik Anfang der 1900er ihr physisches Talent vermehrt für die Nachwelt festhalten konnten.

Doch auch im neuen Medium schienen die waghalsigen Performancekünstler mit besonderem Talent nie wirklich von jenen ernstgenommen zu werden, die sie engagierten. Ein roter Faden, der sich bis heute durch die – wie Emily Blunt und Ryan Gosling es während den 96. Oscars diplomatisch korrekt ausdrückten – Stunt Community zieht.

Neue Stunt-Kategorien der Oscars

Nun ist es nicht so, dass sich die Stunt Community das einfach so gefallen ließ. Seit den 1990er Jahren wurden über zwanzig Jahre lang Anträge zur Aufnahme einer Kategorie zur Vergabe des besten Stuntkoordinators bei der Academy eingereicht – ohne Erfolg. Stattdessen erschien mit den Taurus World Stunt Awards 2001 ein kommerzielles Äquivalent, umgangssprachlich die Stunt Oscars. Auch wenn diese Preisverleihung bis heute besteht, so ist sie nur eine Alternative und aus der kommerziellen Not herausgewachsen, weil eine sture Academy den wichtigen Wandel nicht vollziehen mag.

Bis heute vergab die Academy nur zwei Oscars an ehemalige Stuntmen für besondere Leistungen in der Filmbranche, die das Stunt-Handwerk beinhalteten: Hal Needham und Yakima Canutt. Unzählige weitere alleine aus den USA hätten den Preis verdient. Auch wenn seit 2016 Jackie Chan einen Oscar sein Eigen nennen darf, er wurde nicht für seine Dienste als Stuntman und Stuntkoordinator ausgezeichnet, beides essentielle Berufe, die seinen Erfolg ebneten – allerdings nicht die alleinigen.

Rückblickend wäre es eine geniale Gelegenheit gewesen, durch Jackie Chan mit dem Rückhalt von Sylvester Stallone, einem der führenden Actionhelden der 1980er, und Tom Hanks, seriöser Charakterdarsteller als Vertreter der Schauspielriege, eine neue Stuntkategorie der Academy anzukündigen.

Werden wir nun aber mal konkreter. Wie soll diese neue Kategorie denn eigentlich heißen? Und ist es wirklich mit einer einzelnen getan oder führt das wieder zum Ausschluss anderer Berufsuntergruppen? Wie soll man einen Feuerstunt mit einem Fall aus einem Helikopter vergleichen, wenn es um den „besten“ Stunt geht?

Schauen wir uns mal die aktuelle Liste aller 23 Oscar-Kategorien an; alphabetisch laut www.oscars.org geordnet:

  • Actor in a Leading Role
  • Actor in a Supporting Role
  • Actress in a Leading Role
  • Actress in a Supporting Role
  • Animated Feature Film
  • Cinematography
  • Costume Design
  • Directing
  • Documentary Feature Film
  • Documentary Short Film
  • Film Editing
  • International Feature Film
  • Makeup and Hairstyling
  • Music (Original Score)
  • Music (Original Song)
  • Best Picture,
  • Production Design
  • Animated Short Film
  • Live Action Short Film
  • Sound
  • Visual Effects
  • Writing (Adapted Screenplay)
  • Writing (Original Screenplay).

2024 wurde bekanntgegeben, dass nach 24 Jahren die 24. Kategorie nächstes Jahr eingeführt und ab 2026 der Oscar für das beste Casting verliehen wird. Wenn die Academy schon so auf Zahlenspiele steht, dann könnte sie zum 100. Bestehen der Oscars 2029 (2027 als Jubiläum nach 100 Jahren Academy wäre wohl zu kurzfristig) doch endlich mit den Stuntkategorien beginnen. Ja, ich benutze bewusst die Pluralform, denn wie man an der obigen aktuellen Liste erkennen kann, müsste es meiner Meinung nach mehr als nur die eine berechtigte Stuntkategorie geben.

Über Jahrzehnte hinweg hat sich die Stunt Community weiterentwickelt: Von westlicher Akrobatik und Faustkämpfen bis hin zu östlichen Kampfkunst-Choreografien, von Pferdestunts über Autostunts bis hin zu Flugzeug, Helikopter und Raumstationen (Grüße gehen raus an Tom Cruise), von Kartons über Luftkissen bis hin zu modernster Riggingtechnik. Shoutout auch an alle Pre-Vis-Performer!

Die Stuntbranche hat mehr verdient als nur eine einzelne Oscar-Kategorie, die, sind wir mal ehrlich, auch wieder nur wie eine Art Ehrenpreis wirken würde. Jackie Chan könnte, nebst weiteren Insidern, die Academy beraten, hat er doch bereits 2015 seine eigene Iron-Man-Award-Show für das Actionkino ins Leben gerufen und bietet in seinem „geheimen“ JCST-Trainingscenter Stunt Camps für Semiprofis und Darsteller an.

Hier aber mal meine unabhängigen Überlegungen:

Best Stuntman: Äquivalent zu Actor in a Leading Role

Best Stuntwoman: Äquivalent zu Actress in a Leading Role

Best Stunt Ensemble: Wie soll man sonst aufwändige Rigging-Stunts belohnen? Das ist Teamarbeit!

Best Stunt Coordination: Die Planung von Stunts ist ein Handwerk für sich. Als Koordinator muss man Stuntperformer verstehen, optimal selbst einer (gewesen) sein. Zwischen 1991 und 2012 wurde diese Kategorie jährlich beantragt und abgelehnt. Es wird Zeit!

Best Action Operator: Äquivalent zu Cinematography. Bei dieser Kategorie bin ich selbst unschlüssig, aber so mancher Stuntman entwickelt ein Faible für Kameras und macht als Action Operator Karriere. Kameramänner, die wirklich in der Action sind, ohne Shaky Cam, dafür aber an Drahtseilen hängen, Stürze mit der Kamera begleiten und vieles mehr.

Best International Stunt: Warum nicht? Die globale Stunt Community hätte mehr Fokus verdient. Schaut nach China, Indien, Deutschland, Japan, Südkorea, Russland, Australien, Kanada, Spanien, Finnland, …

Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Liste von Brancheninsidern ergänzt und verändert werden müsste, und das zurecht. Worauf warten sie noch? Als Actionfilm-Fan, vor allem der goldenen Ära des Hongkong-Actionkinos, will ich jede Menge Screentime für meine Leinwandhelden miterleben. Innerhalb der Academy müssten professionelle Stuntperformer und Stuntkoordinatoren als Gouverneure der neuen Stunt-Kategorie benannt werden, um dann die Statuten so zu ändern, dass die hart arbeitenden Stuntleute mit dem glänzenden Männlein entlohnt werden können.

Einen Haken hat das Ganze aber. Wenn wir von Actionfilmen reden, liegt der Fokus nicht nur auf Stunts. Was ist mit den choreografierten Kämpfen? Egal ob Schwert- oder Faustkampf, Kung Fu oder Straßenkampf – schließt ein Stunt-Oscar nicht automatisch die Kämpfer und Kampfchoreografen aus? Von 1935 bis 1937 wurde noch ein Oscar für Best Dance Direction verliehen, als Tanzfilme in der Mode waren. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass in Filmen öfter gekämpft als getanzt wird.

Ehre, wem Ehre gebührt

Liegt es vielleicht daran, dass die Academy zu lange gewartet hat und jetzt nicht nur eine, sondern gleich mehrere neue Kategorien einführen müsste, um nicht noch für mehr Spaltung innerhalb der Branche zu sorgen? Als weiterer Kritikpunkt wird oft angebracht, dass mit einer Einführung einer Stuntkategorie ein Wettrennen der Performer losgetreten werden würde, was die Grenzen des Risikos von Stunts nach oben verschieben würde. Höher, schneller, weiter, gefährlicher, tödlicher. Die Academy wolle nicht für Unfälle oder gar Todesfälle von Stuntperformern verantwortlich gemacht werden, wenn sie einen Preis für die Wagemutigsten vergebe.

„Ich habe Stunts fürs Geld gemacht, nicht für den Ruhm.“

Hal Needham

News Flash an alle, die dieses Argument vertreten: Wie oben erklärt, existieren Filmstunts seit über 100 Jahren, ohne dass es für die Verantwortlichen je eine Motivation außer dem Respekt von Gleichgesinnten und dem Ziel einer guten Performance gab. Ausnahmen bestätigen die Regel, ebenso sind zu viele Stuntperformer an Filmsets gestorben, die nicht vergessen werden dürfen.

Ich sehe das allerdings auch als Chance: Würde ein Stunt-Oscar tatsächlich ein Wettrüsten der globalen Stunt Community auslösen, wäre das nur eine weitere Gelegenheit, verbesserte Sicherheitsstandards und neue Techniken in der Branche einzuführen. Und wir als Publikum bekämen einen Action-Blockbuster nach dem anderen präsentiert. Erinnerungen an die 80er werden laut.

Was ich persönlich schwierig finde, ist der Fall, dass 100 Jahre Filmgeschichte mit Einführung eines Stunt Oscars aufgearbeitet werden müssten. Gerade im liberalen Hollywood ist es eigentlich ein Muss, die ursprünglich männlich dominierte Branche der Stuntperformer aufzuarbeiten. Denn so viele krasse Stuntfrauen haben in Jahrzehnten und vermehrt in den letzten Jahren bewiesen, dass sie ihren männlichen Kollegen das Wasser reichen können, ohne dass ein kindlicher Kampf der Geschlechter ausbricht.

Stunt Performers of Color wurde 2018 gegründet, um für mehr Diversität in Actionfilm-Produktionen zu sorgen, denn diese werden immer globaler, multikultureller. Das muss man sich mal vorstellen, was die Stunt Community auf die Beine stellt: Zu John Waynes Zeiten hatten westliche Stuntmen jede Menge Arbeit, sogar als John Wayne Dschingis Khan spielte. Heutzutage undenkbar! Stattdessen wird Wert auf Authentizität und Repräsentation gelegt und Talente jeglicher Ethnie und Kultur gefördert, und das finde ich richtig, wichtig, notwendig – solange es nicht politisiert, dogmatisiert wird.

Dies ist der fruchtbare Austausch von Wissen und Erfahrung auf so vielen Ebenen, was nicht nur die menschlichen Mauern der Ignoranz und des Misstrauens einreißt, sondern dem westlich-geprägten Actionfilm seit den 1990ern dank John Woo, Tsui Hark und Yuen Woo-ping seinen leidenschaftlichen Stempel aufdrückt und auf das aufbaut, was Pioniere im Experimentalmodus hart erarbeitet haben.

Aus diesen Gründen empfinde ich es auch als Pflicht, Stuntmänner und Stuntfrauen getrennt voneinander auszuzeichnen, äquivalent zu den Schauspielern. Nicht um zu spalten, sondern um adäquat zu ehren. Ich persönliche glaube auch, es ist beinahe heuchlerisch, dass das selbsternannte liberale Hollywood dazu noch keine Stellung bezogen hat. Man kann es nicht leugnen, dass Stuntperformer seit Beginn des Mediums Film maßgeblich zur Entwicklung von Stories und der gesamten Branche beigetragen haben.

Wie soll die Academy alle Ehemaligen posthum ehren? Wäre es also möglich, während der ersten Oscar-Verleihung in Stuntkategorien verstorbene Talente wie Buster Keaton und Robert Craig „Evel“ Knievel, Jr. posthum auszuzeichnen? Auch lebende Legenden wie Jackie Chan und Zoë Bell hätten definitiv diesen Preis verdient. Eine Stunt-Oscar-Welle stünde bevor, in der man leicht ertrinken könnte.

Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass zumindest öffentliche Diskussionen stattfinden würden, sobald die ersten Oscars an die junge Generation verteilt würden, die auf der Bühne sicher/hoffentlich den Pionieren danken, die man nicht vergessen sollte.

Gemischte Gefühle für einen Stunt-Oscar

Ich stehe der Einführung eines einzelnen Stunt-Oscars also mit gemischten Gefühlen gegenüber. Nicht, weil ich denke, dass die Stunt Community es nicht verdient hätte. Wer meine eigenen Arbeiten und persönliche Einstellung kennt, weiß, dass ich allen Stuntperformern weltweit den größten Respekt entgegenbringe, vor allem weil sie aufgrund ihres Underdog-Status ihre Arbeit nicht tun, um auf Award-Fang zu gehen und der Welt zu beweisen, wie narzisstisch sie sind (kleiner liebevoller Seitenhieb auf so manch einen privilegierten Schauspieler). Stuntleute haben einen ganz individuellen Stolz, der sich nach innen richtet. Sie wollen besser sein für sich selbst, nicht für jemand anderen.

Vielmehr empfinde ich es teilweise als Farce, wenn die Academy nach so langer Zeit dem öffentlichen Druck endlich nachgäbe und Stunt-Oscars nach dem Prinzip verleihe „Ihr habt lange laut geschrien, dann geben wir jetzt endlich klein bei“. Welchen Wert hat eine Auszeichnung, die man sich einfordern muss?

Respekt verdient man sich, man bekommt ihn nicht geschenkt. Niemand weiß das besser als die Stunt Community. Diesem Argument zufolge hat die Academy auf ganzer Linie versagt. Jackie Chan spricht in Interviews gerne über den Konkurrenzkampf in den 70ern und sein eigenes Stuntteam. Man sollte diese ganz spezielle, wunderbare Art von Mensch nicht mit einem Trostpreis abstempeln und respektlos ignorieren, wie es die Academy bisher getan hat.

„Nach 56 Jahren im Filmgeschäft, über 200 Filmen und so vielen gebrochenen Knochen… gehört der hier endlich mir!“

Jackie Chan

Die Academy hat sich aufgrund ihres jahrzehntelangen Ignorierens der Stunt Community meiner Meinung nach in eine Sackgasse manövriert, aus der sie selbst nicht mehr rauszukommen scheint. Selbst die Screen Actors Guild Awards werden seit 2008 für Film und TV an ein Stunt Ensemble verliehen. Es geht doch! Und es beweist, dass dies nicht zu einem Anstieg an Unfällen und Todesfällen in der Branche geführt hat.

Dennoch würde eine Einführung von Stunt-Kategorien bei den Oscars nicht ausreichen, finden so die Kämpfer und Kampfchoreografen immer noch keine Beachtung. Und dann würden sich die Tanzchoreografen wieder zu Wort melden. Wo zieht man die Grenze? Ich glaube, das ist mitunter das größte Problem der Academy, das es zu lösen gilt.

Fazit

Mein ganz persönliches Fazit lautet also, dass der nächste „perfekte“ Zeitpunkt zur Verleihung der ersten adäquaten Stunt-Oscars zum 100. Bestehen der Oscar-Verleihung im Jahr 2029 stattfinden könnte und auch nur, wenn in den darauf folgenden Jahren verstorbene und noch lebende Stunt-Legenden mit ausgezeichnet werden; vielleicht mit einer zusätzlich eingeführten Ehrenoscar-Kategorie exklusiv für Stuntleute. So hätte man einen klaren geschichtlichen Schnitt, die Academy täte Buße und könnte ab sofort kritikfrei nach vorne blicken, um konstant zu liefern.

Medial ließe sich das Ganze mit einem höheren Produktionsvolumen von Actionfilmen, gerne auch als internationale Ko-Produktionen, promoten, die zu jeder Zeit der Filmgeschichte beim Publikum gut angekommen sind. Ich erinnere an das Wettrennen der 80er Jahre zwischen Sly und Arnie. John Wick könnte in der Neuzeit nur der Anfang gewesen sein, bis 2029 ist ja noch Zeit.

Statistic: Most popular movie genres in the United States and Canada between 1995 to 2023, by total box office revenue (in billion U.S. dollars)  | Statista
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Erleben wir also gerade eine Renaissance des Hollywood-Actionkinos und werden in den nächsten Jahren Zeitzeuge, wie die mutige Gilde der Stunt Community geehrt wird? Ich bin mir fast sicher, dass die Castingdirektoren, die ab 2026 ihre eigene Trophäe erhalten werden, die ersten sein dürften, die der Stunt Community den Rücken stärken.

Eine Oscar-Kategorie ist nicht nur längst überfällig, sondern meiner Meinung nach auch unausweichlich und absolut logisch. Klingt nach einer schwer zu schluckenden bitteren Pille mit einem faden Beigeschmack, aber ohne die Stunt Community hätte die Traumfabrik vor langer Zeit die Türen schließen können. Die Academy befindet sich im Wandel und muss hart mit sich ins Gericht gehen, um Versäumtes aufzuarbeiten. Das Publikum weiß größtenteils um die Errungenschaften der Stuntleute, der Underdogs, weil wir Filmfans sind und selten Geschäftsleute aus der Filmbranche, denen es nur um Zahlen geht.

Das eine muss das andere nicht ausschließen. Doch wenn der Oscar seinen Ruf als begehrtester Filmpreis in der Zukunft aufrechterhalten möchte, müssen die Verantwortlichen endlich von ihrem hohen Ross herabsteigen und den Sattel jenen überlassen, die sie einst anonym gedoublet haben.

Die zukünftige Bühne gehört den mutigen, hart arbeitenden Stunt Performern.

Foto: Jackie Chan spielt einen Stuntman in seinem Film „Ride On“ (2023) und blickt dabei auf sein eigenes Leben zurück. Eine Hommage an alle Stuntperformer.